Wer Vermögen über den Krieg gerettet hatte, zahlte über Jahrzehnte eine Abgabe darauf. Das Geld ging an Vertriebene, Ausgebombte und Enteignete. Es war die größte Umverteilung der Nachkriegszeit. Ausgezahlt wurde meist erst Jahre später und nur ein Bruchteil des verlorenen Vermögens – als Beitrag zur Eingliederung von Millionen Vertriebenen gilt der Ausgleich dennoch als zentral.
Konrad Adenauer
CDU/CSU31,0 %FDP11,9 %DP4,0 % zeitweise GB/BHE · 1957–1961 mit absoluter Mehrheit Stimmenanteile der Wahl 1949
Die erste Regierung baut den Staat und seine Wirtschaftsordnung von Grund auf – und bindet ihn fest an den Westen.
Die Gläubigerstaaten strichen rund die Hälfte der deutschen Vor- und Nachkriegsschulden und streckten den Rest über Jahrzehnte; gezahlt werden musste nur aus Handelsüberschüssen. Der Schuldendienst blieb dadurch tragbar, während andere Länder ihre Kriegsschulden voll bedienten.
Reparationsforderungen wurden auf einen künftigen Friedensvertrag verschoben. Ein solcher Vertrag wurde nie geschlossen – Griechenland und Polen berufen sich bis heute darauf.
Mit den Pariser Verträgen endete das Besatzungsstatut weitgehend, die Bundesrepublik trat der NATO bei und stellte eigene Streitkräfte auf. Damit war die außenpolitische Richtung für Jahrzehnte gesetzt: Sicherheit im Bündnis mit dem Westen, die deutsche Einheit vorerst zurückgestellt.
Um den Arbeitskräftemangel zu decken, warb die Bundesrepublik gezielt Beschäftigte im Ausland an. Gedacht war das als Aufenthalt auf Zeit. Tatsächlich wurde daraus dauerhafte Einwanderung – die Grundlage dafür, dass Deutschland heute ein Einwanderungsland ist.
Renten wurden an die Lohnentwicklung gekoppelt, statt als feste Summe zu verharren. Aus Fürsorge im Alter wurde ein Anspruch, der am allgemeinen Wohlstand teilnimmt. Das Prinzip trägt die gesetzliche Rente bis heute.
Finanziert wird sie im Umlageverfahren: Die Beiträge der Erwerbstätigen zahlen die laufenden Renten. 1957 kamen auf einen Rentner gut vier Beitragszahler, heute sind es weniger als zwei.
Die Deutsche Bundesbank entstand und wurde ausdrücklich von Weisungen der Regierung freigestellt – die Erfahrung zweier Inflationen wirkte nach. Adenauer griff die Bank scharf an, als sie die Zinsen gegen seinen Willen erhöhte, konnte sie aber nicht überstimmen.
Dieses Modell einer unabhängigen Notenbank machte Deutschland später zur Bedingung für die gemeinsame europäische Währung.
September 1949 – Oktober 1963 · 14 Jahre
CDU/CSU bei den Wahlen danach
- 195345,2 %
- 195750,2 %
- 196145,3 %
Rücktritt im Oktober 1963, nach Druck aus der eigenen Fraktion und von der FDP.
Eine kurze Kanzlerschaft, beendet vom ersten größeren Wirtschaftseinbruch der Bundesrepublik.
Oktober 1963 – Dezember 1966 · 3 Jahre
Rücktritt im November 1966: Rezession, Streit über Steuererhöhungen, Austritt der FDP-Minister.
Mit über 90 Prozent der Mandate hinter sich änderte diese Regierung das Grundgesetz – und stieß damit eine Protestbewegung an.
Dezember 1966 – Oktober 1969 · 3 Jahre
CDU/CSU bei den Wahlen danach
- 196946,1 %
Die Union blieb stärkste Kraft, verlor aber die Mehrheit – SPD und FDP koalierten.
Erstmals stellte die SPD den Kanzler. „Mehr Demokratie wagen“ war das Motto – nach außen wie nach innen.
Verträge mit Moskau, Warschau und Prag, dazu der Grundlagenvertrag mit der DDR: Die Bundesrepublik erkannte die Nachkriegsgrenzen faktisch an und nahm Beziehungen zu den Nachbarn im Osten auf. Die Opposition scheiterte 1972 knapp mit einem Misstrauensvotum dagegen. 1973 traten beide deutsche Staaten den Vereinten Nationen bei.
Grundlage der späteren Entspannung in EuropaDie flexible Altersgrenze erlaubte den Ruhestand ab 63 nach langer Versicherungszeit. Selbstständige und Hausfrauen konnten der Rentenversicherung beitreten, Kleinrenten wurden angehoben. Die Ausweitung war großzügig finanziert – und belastete das System, als kurz darauf die Wirtschaft einbrach.
Der Bundestag beschloss, dass ein Abbruch in den ersten zwölf Wochen nach Beratung straffrei bleibt. Die Union und mehrere unionsgeführte Länder riefen dagegen das Bundesverfassungsgericht an. In Kraft trat die Regelung nie.
§ 218 1974 1975
Oktober 1969 – Mai 1974 · 4 Jahre
SPD bei den Wahlen danach
- 197245,8 %
Rücktritt im Mai 1974, nachdem ein DDR-Spion im Kanzleramt enttarnt worden war. 45,8 Prozent sind bis heute das beste SPD-Ergebnis.
Ölkrise, Terrorismus, Nachrüstung: eine Regierung im Krisenmodus, die nebenbei das Familienrecht modernisierte.
Bundesverfassungsgericht
Das Gericht erklärte die Regelung für verfassungswidrig: Der Staat müsse ungeborenes Leben schützen, auch gegenüber der Schwangeren. 1976 beschloss der Bundestag stattdessen die Indikationenlösung – straffrei nur bei bestimmten Gründen. Diese Konstruktion, 1995 um die Beratungspflicht ergänzt, gilt bis heute.
§ 218 1974 1975
Im „Deutschen Herbst“ nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer beschloss der Bundestag binnen Tagen, Gefangenen den Kontakt zu Anwälten und Außenwelt abschneiden zu können. Der Staat setzte auf Härte gegen den Terrorismus – die Debatte über die Grenzen dieser Härte hält bis heute an.
Der Westen bot Verhandlungen über Mittelstreckenraketen an und kündigte für den Fall des Scheiterns eigene Stationierungen an. Schmidt trieb den Beschluss maßgeblich voran – und spaltete damit seine eigene Partei. Die Friedensbewegung wurde zur Massenbewegung, die Koalition zerbrach 1982.
Mai 1974 – Oktober 1982 · 8 Jahre
SPD bei den Wahlen danach
- 198042,9 %
Sturz durch ein konstruktives Misstrauensvotum im Oktober 1982 – bis heute das einzige erfolgreiche.
Die längste Kanzlerschaft der Bundesrepublik – und die einzige, in der sich das Staatsgebiet veränderte.
Bundesverfassungsgericht
Aus dem Protest gegen eine geplante Volkszählung wurde ein Grundrecht: Das Gericht leitete das Recht auf informationelle Selbstbestimmung her – grundsätzlich entscheidet jeder selbst, wer was über ihn weiß. Das Urteil ist die Grundlage des deutschen Datenschutzrechts und wirkte bis in die europäische Datenschutz-Grundverordnung hinein.
Im Juli übernahm die DDR die D-Mark samt westlichem Wirtschafts- und Sozialrecht; Löhne und kleinere Sparguthaben wurden im Verhältnis eins zu eins umgetauscht. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag klärte die Rechte der Siegermächte, am 3. Oktober trat die DDR dem Grundgesetz bei.
Der schnelle Umtauschkurs sicherte politische Zustimmung, machte die ostdeutsche Industrie aber über Nacht unwettbewerbsfähig. Die Folgen prägen die Wirtschaftsstruktur im Osten bis heute.
Nach jahrelangem Streit und rassistischen Anschlägen wurde das Grundrecht auf Asyl im Grundgesetz eingeschränkt: Wer über einen sicheren Drittstaat einreist, kann sich nicht mehr darauf berufen. Die Zahl der Anträge sank stark.
Zwei-Drittel-Mehrheit nur mit Stimmen der SPDBundesbahn und Reichsbahn wurden zur Deutschen Bahn AG verschmolzen, die Bundespost in drei Aktiengesellschaften zerlegt: Post, Postbank und Telekom. Der Bund übernahm Altschulden und Beamte, die Unternehmen sollten sich am Markt behaupten. Es war die größte Privatisierung der deutschen Geschichte.
Der Börsengang der Bahn kam nie zustande. Seither wird darüber gestritten, ob ein renditeorientierter Konzern das Schienennetz erhalten kann: Bis 2024 wurden rund 5.000 Kilometer Strecke stillgelegt, der Sanierungsstau wuchs auf einen zweistelligen Milliardenbetrag.
Oktober 1982 – Oktober 1998 · 16 Jahre
CDU/CSU bei den Wahlen danach
- 198744,3 %
- 199043,8 %
- 199441,5 %
- 199835,1 %
Abgewählt. Kohl war der erste Kanzler, der direkt durch eine Wahl aus dem Amt ging.
Gerhard Schröder
SPD40,9 %Bündnis 90/Die Grünen6,7 % erste rot-grüne Bundesregierung Zweitstimmen 1998
Erstmals regierten die Grünen im Bund. Die Regierung brach mit mehreren Grundsätzen – beim Militär, beim Sozialstaat und in der Energiepolitik.
Kinder ausländischer Eltern erhalten seither bei Geburt in Deutschland unter bestimmten Bedingungen die deutsche Staatsangehörigkeit. Damit galt nicht mehr allein die Abstammung – ein Bruch mit einem Prinzip von 1913.
Einbürgerung 2000 2024
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz garantierte Betreibern feste Vergütungen und vorrangige Einspeisung – Wind- und Solarstrom wurden damit planbar finanzierbar. Parallel vereinbarte die Regierung mit den Energiekonzernen das Ende der Kernenergie.
Bezahlt wurde die Vergütung über eine Umlage auf den Strompreis, die bis 2021 auf über sechs Cent je Kilowattstunde stieg – große Teile der energieintensiven Industrie waren davon befreit, Privathaushalte nicht. Das Fördermodell selbst wurde in vielen Ländern übernommen.
Arbeitslosen- und Sozialhilfe wurden zum Arbeitslosengeld II zusammengelegt, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes verkürzt, Zumutbarkeits- und Sanktionsregeln verschärft, der Niedriglohnsektor ausgeweitet.
Die Beschäftigung stieg in den Folgejahren deutlich, ebenso die Zahl prekärer Jobs. Politisch kostete die Reform die SPD einen großen Teil ihrer Stammwähler und führte zur Gründung einer neuen Linkspartei. Sie blieb bis 2023 der umstrittenste Sozialbeschluss der Republik.
Oktober 1998 – November 2005 · 7 Jahre
SPD bei den Wahlen danach
- 200238,5 %
- 200534,2 %
Vertrauensfrage und vorgezogene Neuwahl, knapp verloren – 1,0 Punkte hinter der Union.
Vier Jahre, in denen zuerst der Sozialstaat umgebaut und dann das Finanzsystem gestützt wurde.
Statt einer Sozialleistung für Bedürftige gab es nun einen Lohnersatz von bis zu 67 Prozent für zwölf Monate, plus zwei zusätzliche Monate, wenn auch der zweite Elternteil pausiert. Der Anteil der Väter in Elternzeit stieg von wenigen Prozent auf rund ein Viertel – die meisten von ihnen nehmen allerdings nur die beiden Partnermonate.
Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers garantierte die Regierung öffentlich die privaten Spareinlagen, richtete einen Rettungsfonds für Banken ein und legte zwei Konjunkturpakete auf. Ausgeweitetes Kurzarbeitergeld hielt Beschäftigte in den Betrieben, der Arbeitsmarkt brach schwächer ein als in den meisten Nachbarländern. Bezahlt wurde das mit Schulden: Die Schuldenquote stieg binnen zwei Jahren von rund 65 auf über 80 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Der Bund darf sich strukturell nur noch in Höhe von 0,35 Prozent der Wirtschaftsleistung verschulden, die Länder gar nicht. Ausnahmen sind bei Naturkatastrophen und außergewöhnlichen Notlagen möglich. Die Regel bestimmt seither jede Haushaltsdebatte.
Zwei-Drittel-Mehrheit von Union, SPD und LändernNovember 2005 – Oktober 2009 · 4 Jahre
CDU/CSU bei den Wahlen danach
- 200933,8 %
Wiedergewählt bei schwächerem Ergebnis; der Koalitionspartner wechselte von der SPD zur FDP.
Zwei Krisen erzwangen zwei Kehrtwenden: in der Eurozone und bei der Kernenergie.
Hilfskredite für Griechenland, Irland und Portugal, dann der dauerhafte Rettungsschirm ESM und der Fiskalpakt für strengere Haushaltsregeln. Deutschland setzte Sparauflagen als Gegenleistung durch. Die Eurozone blieb zusammen, das Verhältnis zu den südeuropäischen Partnern blieb belastet.
Seit dem 1. Juli 2011 wird nicht mehr einberufen; die Bundeswehr wurde zur Freiwilligenarmee. Mit der Wehrpflicht endete auch der Zivildienst – Pflegeheime und soziale Einrichtungen verloren rund 90.000 Kräfte pro Jahr. Im Grundgesetz steht die Wehrpflicht weiterhin, sie ruht nur.
Wenige Monate nach der Reaktorkatastrophe in Japan gingen acht Kernkraftwerke sofort vom Netz, für die übrigen wurde die Abschaltung bis 2022 festgeschrieben. Damit kassierte die Regierung ihre eigene Laufzeitverlängerung vom Vorjahr wieder ein.
Oktober 2009 – Dezember 2013 · 4 Jahre
CDU/CSU bei den Wahlen danach
- 201341,5 %
Bestes Unionsergebnis seit 1990. Die FDP scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde.
Eine Wahlperiode mit einem alten sozialdemokratischen Projekt – und einer Entscheidung, die die Parteienlandschaft veränderte.
Erstmals galt eine allgemeine Lohnuntergrenze, zunächst 8,50 Euro pro Stunde. Die befürchteten großen Beschäftigungsverluste traten nicht ein, im Niedriglohnsektor stiegen die Löhne spürbar. Zugleich stellt der Zoll bei Kontrollen regelmäßig Verstöße fest, vor allem dort, wo Arbeitszeit nicht dokumentiert wird. Über die Höhe entscheidet seither eine Kommission aus Arbeitgebern und Gewerkschaften.
Im Herbst 2015 nahm Deutschland Schutzsuchende auf, die in Ungarn festsaßen, und setzte die reguläre Zuständigkeitsprüfung faktisch aus. Über eine Million Menschen stellten Asylanträge. Es folgten die Asylpakete I und II mit schnelleren Verfahren, mehr sicheren Herkunftsstaaten und eingeschränktem Familiennachzug, dazu die EU-Türkei-Erklärung.
Getragen wurde die Aufnahme vor allem von Kommunen und Ehrenamtlichen; Behörden und Verfahren blieben über Jahre überlastet, Rückführungen scheiterten häufig. Politisch war der Kurs von Beginn an umstritten – 2017 zog die AfD als drittstärkste Kraft in den Bundestag ein. Migration ist seither das prägende Konfliktthema der deutschen Politik.
Gleichgeschlechtliche Paare können heiraten, mit allen Rechten inklusive gemeinsamer Adoption. Die Kanzlerin gab die Abstimmung frei und stimmte selbst dagegen; die Mehrheit kam aus SPD, Grünen, Linken und einem Teil der Union zustande.
Beschlossen gegen die Mehrheit der größeren KoalitionsparteiDezember 2013 – März 2018 · 4 Jahre
CDU/CSU bei den Wahlen danach
- 201732,9 %
Wiedergewählt mit dem bis dahin schwächsten Unionsergebnis der Nachkriegszeit; die AfD zog als drittstärkste Kraft ein.
Angela Merkel IV
CDU/CSU32,9 %SPD20,5 % nach der längsten Regierungsbildung der Bundesrepublik Zweitstimmen 2017
Klimapolitik bekam erstmals einen Preis und ein Gesetz – dann kam die Pandemie.
Das Gesetz schrieb Minderungsziele je Sektor gesetzlich fest. Seit 2021 kostet der Ausstoß von Kohlendioxid beim Heizen und Tanken Geld – zum Start 25 Euro je Tonne. Wer wenig heizt und fährt, zahlt weniger – wer auf dem Land pendelt, spürbar mehr.
Klimaschutz 2019 2021
Bundesverfassungsgericht
Leistungskürzungen von mehr als 30 Prozent des Regelsatzes sind verfassungswidrig – das Existenzminimum darf nicht beliebig unterschritten werden. Der Beschluss zog die Linie, an der sich seither jede Reform der Grundsicherung messen lassen muss.
Ein verbindlicher Abschaltpfad für Braun- und Steinkohlekraftwerke, begleitet von rund 40 Milliarden Euro Strukturhilfen für die Reviere. Die Höhe der Entschädigungen für die Betreiber war umstritten und musste beihilferechtlich von der EU-Kommission geprüft werden. Für einige Standorte wurde der Ausstieg später auf 2030 vorgezogen.
Kontaktbeschränkungen und Schließungen, dazu Wirtschaftshilfen und massiv ausgeweitete Kurzarbeit. Der Bundestag stellte eine außergewöhnliche Notlage fest und setzte die Schuldenbremse mehrere Jahre aus.
Auf europäischer Ebene stimmte Deutschland einem Wiederaufbaufonds von 750 Milliarden Euro zu, der erstmals in großem Stil über gemeinsame EU-Schulden finanziert wird – eine Abkehr von einer langjährigen deutschen Position.
Bundesverfassungsgericht
Das Klimaschutzgesetz war in Teilen verfassungswidrig, weil es die Minderungslasten nach 2030 kaum regelte und damit die Freiheit künftiger Generationen gefährdete. Die Regierung besserte binnen Monaten nach und zog das Ziel der Klimaneutralität auf 2045 vor.
Klimaschutz 2019 2021
März 2018 – Dezember 2021 · 4 Jahre
CDU/CSU bei den Wahlen danach
- 202124,1 %
Merkel trat nicht wieder an. 16 Jahre und 16 Tage im Amt – zehn Tage weniger als Kohl.
Olaf Scholz
SPD25,7 %Grüne14,8 %FDP11,5 % „Ampel“, erste Dreierkoalition im Bund seit 1957 Zweitstimmen 2021
Drei Monate nach Amtsantritt begann der russische Angriff auf die Ukraine. Er bestimmte den Rest der Wahlperiode.
Deutschland lieferte erstmals Waffen in ein Kriegsgebiet und verankerte ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr im Grundgesetz – außerhalb der Schuldenbremse. Damit endete eine jahrzehntelange Zurückhaltung in der Sicherheitspolitik.
Zwei-Drittel-Mehrheit nur mit Stimmen der UnionNach dem Ende der russischen Gaslieferungen entstanden binnen Monaten schwimmende LNG-Terminals, die Speicher wurden gefüllt, Gas- und Strompreisbremsen deckelten die Kosten für Haushalte und Betriebe. Die letzten drei Kernkraftwerke liefen im Streckbetrieb noch bis April 2023 und gingen dann endgültig vom Netz.
Der Bundestag verkleinerte sich selbst: Überhang- und Ausgleichsmandate fielen weg, die Größe wurde auf 630 Sitze festgeschrieben. Ein Wahlkreissieg garantiert seither keinen Sitz mehr – entscheidend ist allein das Zweitstimmenergebnis der Partei.
Beschlossen wurde die Reform allein mit den Stimmen der Koalition. Gestrichen wurde auch die Grundmandatsklausel, was vor allem CSU und Linke getroffen hätte.
Wahlrecht 2023 2024
Bundesverfassungsgericht
60 Milliarden Euro nicht gebrauchter Corona-Kredite in den Klima- und Transformationsfonds umzuwidmen, war verfassungswidrig. Über Nacht fehlte das Geld für zugesagte Förderungen. Die Koalition strich Programme zusammen und stritt fortan über jede Lücke im Haushalt – das Urteil gilt als Anfang vom Ende der Ampel.
Bundesverfassungsgericht
Die Verkleinerung des Bundestags und den Wegfall der Überhangmandate bestätigte das Gericht. Die Grundmandatsklausel dagegen musste bleiben: Ohne sie wäre eine Partei mit starker regionaler Verankerung trotz mehrerer Direktmandate aus dem Parlament gefallen. Nach dieser Vorgabe wurde 2025 gewählt.
Wahlrecht 2023 2024
Besitz und Anbau von Cannabis wurden für Erwachsene in Grenzen erlaubt. Im Staatsangehörigkeitsrecht wurde Mehrstaatigkeit allgemein zugelassen und die Einbürgerung nach fünf Jahren möglich. Das Selbstbestimmungsgesetz ersetzte das Gerichtsverfahren zur Änderung des Geschlechtseintrags durch eine Erklärung beim Standesamt.
Einbürgerung 2000 2024
Dezember 2021 – Mai 2025 · 3 Jahre
SPD bei den Wahlen danach
- 202516,4 %
Zustimmung in Umfragen
Höchstwert 73 Prozent im März 2022, kurz nach der Zeitenwende-Rede. Danach überwiegend fallend.
Abgewählt nach dem schwächsten SPD-Ergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik.
Die Regierung begann mit der größten finanzpolitischen Weichenstellung seit der Einheit und einem Kurswechsel in der Migrationspolitik – und arbeitet sich seither durch die Sozialsysteme.
Noch vor dem Amtsantritt änderte der alte Bundestag das Grundgesetz: Verteidigungsausgaben oberhalb von einem Prozent der Wirtschaftsleistung zählen nicht mehr zur Schuldenbremse, dazu kommt ein kreditfinanziertes Sondervermögen von 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre – 100 Milliarden davon für die Länder, 100 für den Klima- und Transformationsfonds. Auch die Länder dürfen sich nun begrenzt verschulden.
Beschlossen hat das der bereits abgewählte Bundestag, weil die neu gewählte Zusammensetzung die Zwei-Drittel-Mehrheit nicht mehr hergegeben hätte. Das Bundesverfassungsgericht wies Eilanträge dagegen ab, politisch war das Vorgehen heftig umstritten – ebenso wie die Frage, ob die Milliarden wie zugesagt zusätzlich fließen oder reguläre Investitionen im Haushalt ersetzen.
Zwei-Drittel-Mehrheit von Union, SPD und GrünenAm zweiten Amtstag wies der Innenminister die Bundespolizei an, auch Asylsuchende an den Grenzen zurückzuweisen. Das Verwaltungsgericht Berlin erklärte das im Juni 2025 im Eilverfahren für europarechtswidrig; die Regierung wertete den Beschluss als Einzelfall und hielt an der Praxis fest. Seit Juli 2025 ist der Familiennachzug zu subsidiär Schutzberechtigten für zwei Jahre ausgesetzt, seit Dezember 2025 lassen sich sichere Herkunftsstaaten per Rechtsverordnung bestimmen.
Die Zahl der Asylanträge ging deutlich zurück: Im April 2026 wurden gut 6.100 Erstanträge gestellt, ein Drittel weniger als ein Jahr zuvor. Die Regierung führt das auf ihren Kurs zurück, Kritiker verweisen darauf, dass die Zahlen europaweit schon seit 2023 sinken.
Rechtlich weiter umstritten, mehrere Verfahren laufenBeim NATO-Gipfel in Den Haag verpflichteten sich alle Mitglieder, bis 2035 fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Sicherheit aufzuwenden – 3,5 Prozent für Streitkräfte, 1,5 Prozent für Infrastruktur und Cyberabwehr. Bisher galten zwei Prozent. Deutschland will die 3,5 Prozent schon 2029 erreichen und meldete für 2026 Verteidigungsausgaben von 124,7 Milliarden Euro, ein Viertel mehr als im Vorjahr.
Das Rentenniveau wird per Haltelinie stabilisiert. Wer die Regelaltersgrenze erreicht hat und sozialversicherungspflichtig weiterarbeitet, kann bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei hinzuverdienen. Im ersten Halbjahr 2026 nutzten das nach Regierungsangaben mehr als 10.000 Beschäftigte. Die Steuerausfälle gehen in den hohen dreistelligen Millionenbereich pro Jahr; Kritiker erwarten vor allem Mitnahmeeffekte bei Menschen, die ohnehin weitergearbeitet hätten.
Zum Jahreswechsel sank die Mehrwertsteuer auf Speisen in der Gastronomie auf sieben Prozent, die Pendlerpauschale wurde angehoben, die Steuerbefreiung für Elektroautos bis 2030 verlängert. Auf Vorschlag der Mindestlohnkommission stieg der Mindestlohn auf 13,90 Euro und steigt 2027 auf 14,60 Euro – der größte Sprung seit seiner Einführung.
Bundestag und Bundesrat verabschiedeten eine Reform der gesetzlichen Krankenversicherung auf Grundlage der Vorschläge einer Finanzkommission. Zeitgleich beschlossen wurde das Infrastruktur-Zukunftsgesetz: Wichtige Vorhaben gelten als von „überragendem öffentlichem Interesse“ und werden in Planung und Genehmigung vorgezogen. Umwelt- und Naturschutzverbände kritisieren, dass dafür Beteiligungs- und Klagerechte verkürzt werden.
Angekündigt für Ende 2026: Renten-, Steuer- und Arbeitsmarktreformseit Mai 2025 · läuft
Zustimmung in Umfragen
Im Januar 2026 waren 43 Prozent mit seiner Arbeit zufrieden, im August 2026 noch 20 Prozent (Politbarometer, Unzufriedene: 75 Prozent). Andere Institute messen zwischen 13 und 26 Prozent Zustimmung.
Die nächste reguläre Bundestagswahl steht 2029 an.